
Zu müde für Empathie
Pflegekräfte mit dünnem Nervenkostüm
sind keine schlechten Menschen.
Sie sind müde.
Müde vom Dauerlauf ohne Pause.
Müde vom Funktionieren.
Müde davon, immer zu halten,
was längst zu schwer geworden ist.
Ihr Nervenkostüm ist nicht dünn,
weil sie zu wenig fühlen
sondern weil sie zu viel fühlen.
Zu lange.
Zu oft.
Zu gleichzeitig.
Sie hören Bitten,
während schon die nächste ruft.
Sie sehen Leid,
während sie längst im Zeitdruck sind.
Sie wollen helfen,
während der Plan es nicht zulässt.
Und irgendwann beginnt der Körper,
sich zu schützen.
Die Stimme wird kürzer.
Der Blick härter.
Die Geduld dünner.
Nicht aus Bosheit.
Aus Überforderung.
Pflegekräfte mit dünnem Nervenkostüm
haben zu oft gelernt,
dass Empathie Zeit braucht
Zeit, die ihnen niemand gibt.
Sie tragen Verantwortung für Menschen,
während sie selbst kaum gehalten werden.
Sie sollen ruhig bleiben,
wenn alles gleichzeitig brennt.
Und ja
manchmal geht dabei Würde verloren.
Nicht, weil sie egal wäre.
Sondern weil niemand mehr Kraft hat,
sie zu tragen.
Diese Pflegekräfte brauchen keine Schuld.
Sie brauchen Entlastung.
Strukturen, die menschlich sind.
Räume zum Durchatmen.
Und das Recht,
nicht immer stark sein zu müssen.
Denn ein dünnes Nervenkostüm
ist oft nur ein Zeichen dafür,
dass jemand viel zu lange
über seine Grenzen gegangen ist.
Und solange wir das nicht sehen,
werden Menschen verletzt,
auf beiden Seiten.