Wenn Zeit stehen bleibt

Den ganzen Tag sitze ich am selben Ort.
Am selben Tisch. Mit denselben Menschen.

Gespräche gibt es keine.
Nur Geräusche.

Das Essen fällt aus einem Mund.
Jemand anderes kippt absichtlich den Saft über den Tisch.
Es läuft zwischen Tellern und Händen.
Keiner reagiert.
Oder alle zu spät.


Eine Frau steht immer wieder auf.
Sie will nach Hause.
Sie sagt es jedes Mal gleich.
Man führt sie zurück auf ihren Platz.
Sanft. Bestimmt.
Immer wieder.

Eine andere sitzt im Rollstuhl.
Sie versucht aufzustehen.
Immer wieder.
Sturzgefahr, sagen sie.
Also hält man sie fest.
Nicht aus Bosheit.
Aus Angst.


Neben mir sitzt ein Mann.
Er riecht nach Stuhl.
Seit einer halben Stunde.
Vielleicht länger.
Ich weiß es nicht mehr.

Eine Dame bittet, aufs WC zu dürfen.
Leise.
Höflich.
Sie wartet.

Das Personal geht vorbei.
Einmal.
Zweimal.
Dreimal.


"Gleich."

Das Wort hängt in der Luft.
Wie eine Beruhigung.
Wie eine Vertröstung.
Wie eine Grenze.

Gleich kommt jemand.
Gleich wird es besser.
Gleich ist Zeit.

Aber gleich kommt nicht.


Ich sitze da.
Sehe alles.
Höre alles.
Kann nichts ausblenden.

Ich bin nicht verwirrt.
Ich bin nicht krank.
Ich bin wach.

Und genau das macht es unerträglich.


Denn ich sehe Menschen,
die nicht mehr gefragt werden.
Ich sehe Würde, die warten muss.
Ich sehe Bedürfnisse, die verschoben werden.

Nicht aus Gleichgültigkeit.
Aus Überforderung.
Aus Mangel.
Aus System.


Aber ich sitze mittendrin.
Und kann nicht wegsehen.

Der Tag vergeht nicht.
Er dehnt sich.
Minute für Minute.

Und ich frage mich nicht mehr,
wann ich nach Hause darf.

Ich frage mich,
wie lange ein Mensch das aushält,
ohne innerlich zu gehen.