Warten bestimmt den Tag

Wenn man sich selbst nicht mehr helfen kann,
verändert sich alles.

Nicht von einem Tag auf den anderen.
Sondern schleichend.

Man kann nicht einfach aufstehen.
Nicht einfach gehen.
Nicht einfach entscheiden.

Alles braucht jemanden.
Jede Bewegung.
Jeder Schritt.
Jeder Gang zur Toilette.
Jedes Glas Wasser.

Und so beginnt das Warten.


Warten, bis jemand Zeit hat.
Warten, bis jemand kommt.
Warten, bis jemand sieht,
dass man schon lange wartet.

Man wird geduldig.
Nicht, weil man es will.
Sondern weil Ungeduld nichts bringt.

Man lernt, Bedürfnisse klein zu machen.
Leiser zu bitten.
Später zu fragen.
Man lernt, nichts mehr zu erwarten.


Denn abhängig zu sein bedeutet,
ständig abzuwägen:
Ist es das wert, jetzt zu stören?

Und irgendwann fragt man gar nicht mehr.

Nicht aus Stolz.
Sondern aus Müdigkeit.


Man ist da.
Aber man zählt nicht mehr als Mensch,
sondern als Aufgabe.
Als Handgriff.
Als Zeitfenster.

Dabei bleibt innen alles gleich.
Die Gedanken.
Die Gefühle.
Das Wissen, wer man ist.

Doch außen entscheidet jemand anderes,
wann man darf.
Wann man muss.
Wann man wartet.


Und das Schwerste daran ist nicht der Körper.
Es ist das Gefühl,
kein vollwertiger Mensch mehr zu sein.

Denn Menschsein bedeutet,
sich bewegen zu dürfen.
Selbst zu entscheiden.
Nicht um Erlaubnis bitten zu müssen
für das Nötigste.

Wenn all das fehlt,
beginnt etwas zu zerbrechen.


Nicht sichtbar.
Nicht messbar.

Aber tief.

Und genau dort,
wo man nur noch wartet,
beginnt das stille Verschwinden.