Kognitiv klar, emotional entwurzelt

Sie wissen genau, wo sie sind. Sie wissen, welcher Tag heute ist.
Sie wissen, wie ihr Leben einmal war. Und genau das ist ihr Schmerz.

Kognitiv klar zu sein bedeutet nicht Stärke, es bedeutet Bewusstsein.
Bewusstsein darüber, was fehlt.
Bewusstsein darüber, was verloren ging.
Bewusstsein darüber, dass dieser Ort nicht gewählt wurde, sondern bestimmt.


Während andere sich im Nebel verlieren, stehen sie im grellen Licht der Realität.
Sie erkennen jede Veränderung.
Jede Tür, die nicht mehr ihnen gehört.
Jeden Tagesablauf, der fremdbestimmt ist.
Jede Entscheidung, die nicht mehr ihre ist.

Ihr Körper ist versorgt.
Ihre Seele ist heimatlos.


Sie erinnern sich an ihre Küche, an den Geruch von Kaffee am Morgen.
An selbst bestimmte Zeiten, spontane Entscheidungen, kleine Gewohnheiten, die niemandem auffielen, aber ihr Leben ausmachten.

Jetzt ist alles geregelt.
Durchdacht.
Geplant.

Und dennoch leer.


Emotionale Entwurzelung geschieht leise.
Nicht in einem Moment, sondern in vielen kleinen Abschieden:

  • wenn niemand fragt, was sie möchten, sondern nur wann

  • wenn Gespräche an ihnen vorbeigehen

  • wenn sie sich erklären müssen, obwohl sie sich selbst längst kennen

Sie sind nicht verwirrt, sie sind überflüssig gemacht worden.


Das Heim ist kein Zuhause.
Nicht für jene, die noch fühlen, vergleichen, reflektieren.
Die noch spüren, dass Würde mehr ist als Sauberkeit.

Dass Leben mehr ist als Versorgung.

Diese Menschen leiden nicht laut.
Sie schreien nicht.
Sie fordern nicht.

Sie ziehen sich zurück, Stück für Stück.
Nicht aus Schwäche, sondern aus Erschöpfung.

Denn jeden Tag aufs Neue zu akzeptieren, dass man da ist, wo man nicht sein möchte, kostet Kraft.
Kraft, die irgendwann fehlt.


Manche nennen es Anpassung.
Andere nennen es Depression.
In Wahrheit ist es Trauer.

Trauer um das eigene Leben, während man noch lebt.

Und diese Trauer bleibt oft unsichtbar.
Denn kognitiv klare Menschen funktionieren.
Sie nehmen ihre Medikamente.
Sie essen höflich.
Sie warten.

Bis das Warten schwerer wird als das Bleiben.

Was fehlt, ist nicht medizinisch messbar.
Es ist Sinn.
Beziehung.
Bedeutung.

Ohne emotionale Verwurzelung beginnt der Mensch innerlich zu gehen lange bevor der Körper folgt.

Und genau hier beginnt das stille Sterben.