Man nennt es Versorgung,

man nennt es Sicherheit. Man nennt es Pflege.
Aber niemand nennt es Verlust. Niemand nennt es Abschied.
Niemand nennt es das stille Sterben eines selbst bestimmten Lebens.

Der Tag beginnt nicht mit Krankheit.
Er beginnt mit einem Schlüsselbund in fremder Hand.
Mit einem Gang, der nach Desinfektionsmittel riecht.
Mit Koffern, die mehr Leben tragen, als in dieses Zimmer passen wird.

"Es ist nur vorübergehend", sagt jemand.
Aber im Inneren spürst du:
Nichts an diesem Moment fühlt sich vorübergehend an.


Ich bin klar.

Ich weiß, wo ich bin.
Ich weiß, warum ich hier bin.
Und genau das macht es so schwer.

Ich brauche Hilfe, ja.
Aber ich brauche kein neues Leben, ich hatte eines.
Eines mit Routinen, mit Entscheidungen, mit Würde.
Und jetzt stehe ich hier und soll dankbar sein.


Das Zimmer ist sauber

Ordentlich.
Neutral.

Kein Staubkorn, aber auch kein Stück von mir.
Die Wände hören nichts von meiner Geschichte.
Sie kennen meine Erfolge nicht.
Meine Fehler nicht.
Meine Liebe nicht.

Hier beginnt kein neues Kapitel,
hier endet etwas.


Man zeigt mir den Schrank.

Das Bett.
Die Klingel.

"Wenn Sie etwas brauchen, einfach drücken."

Aber was, wenn ich etwas brauche, das man nicht bringen kann?
Was, wenn ich mein Leben brauche?
Oder zumindest das Gefühl, noch Teil davon zu sein?


Ich sehe andere Menschen.

Manche schauen leer.
Manche rufen.
Manche sind still.

Ich frage mich:
Werde ich auch so?
Oder werde ich einfach weniger?
Weniger sprechen.
Weniger fragen.
Weniger wollen.

Nicht, weil ich es vergesse,
sondern weil es zu weh tut, sich zu erinnern.


Die Zeit hier tickt anders.

Sie gehört mir nicht mehr.

Essen um diese Uhrzeit.
Schlafen zu jener.
Duschen, wenn es passt, nicht, wenn ich es will.

Niemand meint es böse.
Und genau das ist das Schlimmste.


Ich lächle.

Ich will niemandem zur Last fallen.
Ich will nicht schwierig sein.

Also sage ich nicht, dass mein Herz schreit.
Dass ich nachts wachliege und mein altes Zuhause sehe.
Dass ich mich frage, wann ich aufgehört habe, jemand zu sein, der gefragt wird.


Man nennt es Versorgung.

Man nennt es Sicherheit.
Man nennt es Pflege.

Aber niemand nennt es Verlust.
Niemand nennt es Abschied.
Niemand nennt es das stille Sterben eines selbstbestimmten Lebens.


Ich merke, wie etwas in mir leiser wird.

Nicht der Körper.
Die Seele.

Ich esse, weil man es erwartet.
Ich stehe auf, weil es der Plan ist.
Ich atme, aber ich lebe nicht mehr voraus.


Ich bin nicht hier, weil ich gehen will.

Ich bin hier, weil andere entschieden haben, dass es so besser ist.

Vielleicht haben sie recht.
Vielleicht auch nicht.

Aber eines weiß ich:
Wer klar ist und nicht bleiben will,
beginnt innerlich Abschied zu nehmen.

Nicht laut.
Nicht dramatisch.
Sondern still.
Sehr still.