
Allein unter Menschen
Einsamkeit im Alter ist selten laut. Sie klopft nicht.
Sie schreit nicht. Sie setzt sich einfach dazu und bleibt.
Sie entsteht nicht, weil niemand da ist.
Sondern weil niemand wirklich da ist.
Menschen kommen und gehen.
Pflegen. Versorgen. Organisieren.
Doch niemand bleibt lange genug, um zu fragen:
Wie geht es Ihnen wirklich?
Einsamkeit macht SeniorInnen nicht sofort traurig.
Sie macht sie still.
Still im Gespräch.
Still in ihren Bedürfnissen.
Still in ihrem Wunsch, noch gesehen zu werden.
Sie beginnen, weniger zu erzählen.
Nicht, weil sie nichts zu sagen hätten,
sondern weil sie gelernt haben, dass es niemanden mehr erreicht.
Einsamkeit verändert den Blick.
Die Welt wird kleiner.
Die Tage länger.
Die Nächte schwerer.
Sie nimmt Erinnerungen und macht sie schmerzhaft.
Denn Erinnerungen brauchen ein Gegenüber.
Jemanden, der zuhört.
Der lacht.
Der nachfragt.
Ohne Beziehung wird Erinnerung zur Last.
Einsamkeit lässt Menschen an sich zweifeln.
Bin ich noch wichtig?
Bin ich noch von Bedeutung?
Oder nur noch da?
Viele SeniorInnen hören auf zu bitten.
Nicht aus Stolz.
Sondern weil jede unerhörte Bitte Kraft kostet.
Und irgendwann sparen sie diese Kraft.
Sie ziehen sich zurück.
Nicht aus Desinteresse am Leben
sondern weil Nähe anstrengend wird,
wenn sie einseitig bleibt.
Einsamkeit wirkt langsam.
Aber tief.
Sie schwächt nicht nur die Seele.
Sie nimmt dem Körper den Willen.
Den Appetit.
Den Schlaf.
Die Hoffnung.
Und niemand sieht es.
Denn Einsamkeit hinterlässt keine blauen Flecken.
Doch sie hinterlässt Leere.
Was SeniorInnen brauchen, ist kein ständiges Programm.
Keine Dauerbeschäftigung.
Keine Ablenkung.
Sie brauchen Beziehung.
Verlässlichkeit.
Einen Ort, an dem sie nicht erklären müssen,
warum sie noch fühlen.
Denn Einsamkeit ist kein Schicksal des Alters.
Sie ist ein Zeichen dafür,
dass Nähe fehlt, wo sie am meisten gebraucht wird.
Und wo Einsamkeit bleibt,
beginnt der Mensch, langsam zu verschwinden
lange bevor er geht.